Eine großartige Chance konnte die Burgsitzschule ihren Abgangsschülern in dieser Woche bieten: Die Haupt- und Realschulzweigleiterin Verena Reichmann konnte die Zeitzeugin Edith Erbrich für einen zweitägigen Besuch an der Burgsitzschule gewinnen, die den Schülerinnen und Schülern einen Einblick in ihr Leben und insbesondere zu ihren Erlebnissen während der Zeit des Nationalsozialismus gab.

Diese Zeit mit all der Brutalität, Diskriminierung und der fehlenden Menschlichkeit ist eines der dunkelsten Kapitel der deutschen Geschichte. Menschen wurden in Rassen eingeteilt und viele, die nicht in das Bild der Nationalsozialisten passten, wurden gedemütigt, in Konzentrationslagern gefangen gehalten und als Freiwild behandelt - eine unglaublich schlimme Zeit für viele Menschen, die genau das erleben mussten. Im Unterricht ist es oft sehr schwer, den Schülerinnen und Schülern begreiflich zu machen, was die Zeit des Nationalsozialismus für grausame Konsequenzen für viele Menschen hatte. Aus diesem Grund ist es umso erfreulicher, dass die Burgsitzschule eine Zeitzeugin aus dieser Zeit gewinnen konnte und die Schüler die Konsequenzen ganz konkret an einer realen Person erfahren konnten.

Im Geschichtsunterricht hatten die Schüler sich bereits mit der NS-Zeit befasst und z.B. den Aufbau der Diktatur in Deutschland, die Weltanschauung und die Ausgrenzung der jüdischen Mitbürgerinnen und Mitbürger behandelt, sodass sie viele wichtige Grundlagen für das Zeitzeugen-Gespräch hatten und nachvollziehen konnten, wovon Frau Erbrich erzählte.

Am Montag, den 21.01.2019, besuchte Frau Erbrich dann zunächst die Zehntklässler der Realschule und am Dienstag, den 22.01.2019, die Schülerinnen und Schüler der neunten Hauptschulklasse und der zehnten Gymnasialklasse. Sie erzählte im ersten Teil viel aus ihrem Leben und ihren Erlebnissen zur NS-Zeit. Frau Erbrich wurde 1937 als Kind eines jüdischen Vaters und einer katholischen Mutter in Frankfurt am Main geboren und galt daher in dieser Zeit als sogenannter „Mischling 1. Grades“. Konkret bedeutete dieser Status, dass sie nicht akzeptiert war und es sehr viele Dinge gab, die ihr nicht erlaubt waren. So durfte sie beispielsweise nicht zur Schule gehen und nicht mehr mit ihren Freunden spielen, was dazu führte, dass sie häufig mit ihrer Schwester alleine war, da ihre Eltern arbeiten mussten. Als besonders schlimm bezeichnete sie die Fliegerangriffe, die sie miterleben musste, vor allem auch weil es ihr als Jüdin nicht gestattet war, einen öffentlichen Luftschutzbunker aufzusuchen.

Ihre Mutti, so erzählte sie den Schülerinnen und Schülern weiter, wollten die Nationalsozialisten zwingen sich von ihrem Mann scheiden zu lassen, doch sie weigerte sich und kam daher 21 Tage in Beugehaft. Über diese Zeit habe ihre Mutter nie sprechen wollen, sodass sie sich bis heute nur in ihrer Fantasie vorstellen könne, was ihrer Mutter in dieser Zeit zugestoßen sein könnte. Frau Erbrich erzählte auch von ihren „stillen Helden“ – Menschen, die ihr in dieser Zeit geholfen haben und sie bewundert noch heute den Mut dieser Menschen, brachten sie sich dadurch doch selbst in Lebensgefahr.

Am 8. Februar 1945 (das Vernichtungslager Auschwitz war bereits befreit worden) erhielt die Familie ein Schreiben mit der Aufforderung, dass ihr Vater, ihre Schwester und sie sich am 14. Februar 1945 an der Großmarkthalle in Frankfurt einzufinden hätten, da sie zu einem Arbeitseinsatz müssten. Zu diesem Zeitpunkt war ihre Schwester 10 Jahre und sie selbst 6 Jahre alt. Ihre Mutter wollte ihre Familie begleiten, doch dies wurde ihr untersagt. 5 Tage waren sie eingepfercht in einem Viehwaggon unterwegs, bis sie im Konzentrationslager Theresienstadt in der Nähe von Prag ankamen. Dort wurden sie vom Vater getrennt und ihnen wurden die Haare abrasiert. Das Lager war sehr überfüllt und Frau Erbrich berichtete von dem schlimmen Hunger, der bitteren Kälte, aber auch von dem großen Heimweh, das sie hatte. In Theresienstadt traf sie ihre Großmutter wieder, die viel früher deportiert worden war. Nach drei Jahren erkannte sie ihre Großmutter kaum wieder, aus einer stattlichen Frau sei eine gebrochene Frau geworden. Nur die Stimme diente ihr so als Erkennungsmerkmal. Auf die Frage nach ihrem Großvater konnte ihre Großmutter nicht antworten. Später fand Frau Erbrich heraus, dass dieser nur 3 Tage im Lager überlebt hatte. Die Schülerinnen und Schüler lauschten aufmerksam ihren Worten und es war eine seltsame Stille im Raum. Am 7./8. Mai 1945 wurde Theresienstadt von der sowjetischen Armee befreit. Gefundene Dokumente zeigten, dass Frau Erbrich am 9. Mai 1945 nach Auschwitz gebracht werden sollte, um dort vergast zu werden, was für ein unbeschreibliches Glück hatte sie. Ein langer, beschwerlicher Heimweg stand ihr, ihrer Schwester und ihrem Vater bevor. Alle drei hatten überlebt. Erst 50 Jahre nach Kriegsende besuchte sie gemeinsam mit ihrer Schwester zum ersten Mal Theresienstadt und entdeckte, dass sogar ihre Pritsche, auf der sie geschlafen hatte, noch steht. Auch heute besucht sie noch häufig diesen Ort, da es für sie der Ort ist, an dem sie um ihren Großvater trauern könne.

Nach der Schilderung von Frau Erbrich hatten die Schülerinnen und Schüler Zeit, Fragen zu stellen. Und so fragten sie z.B. was passiert wäre, wenn sie den gelben Davidstern nicht getragen hätte, und waren betroffen, als sie hörten, dass dies ein Grund war, warum man in ein Konzentrationslager kam. Auch nach ihrem schlimmsten Erlebnis fragten die Schüler und sie erklärte, dass das Allerschlimmste die Trennung von ihrer Familie gewesen sei. Sie sei ja noch ein kleines Kind gewesen und zu einem großen Teil auf sich allein gestellt. Auf die Frage, ob dies alles noch einmal passieren könnte, forderte Frau Erbrich die Schüler auf, stets aufzupassen.

Der Zeitzeugen-Besuch wurde im Unterricht nachbereitet und es stellte sich heraus, dass die Schülerinnen und Schüler sehr beeindruckt von den Schilderungen Frau Erbrichs waren. Sie sind dankbar, dass sie an der Schule war und aus ihrem Leben erzählt hat, da sie so eine persönliche Perspektive erleben konnten, so die Schülerinnen und Schüler. Während des Besuches der Gedenkstätte Buchenwald der Realschüler einen Tag später konnten die Schülerinnen und Schüler ihr Wissen um die Grausamkeit der NS-Zeit weiter vertiefen und sich auch direkt vor Ort ein Bild davon machen. Und auch die Hauptschüler und Gymnasiasten bekommen diese Möglichkeit, sie besuchen Anfang Februar die Gedenkstätte. Rückmeldungen der Schülerinnen und Schüler zeigten, dass sie nun nach dem Zeitzeugen-Gespräch und dem Besuch der Gedenkstätte eine bessere Vorstellung von dieser Zeit haben und sie hoffen, dass Frau Erbrich noch lange Schülerinnen und Schülern von ihren Erlebnissen erzählen kann.

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